Interview Florian Reus: Weltmeister im 24-Stunden-Lauf

Florian Reus Weltmeister 24 Stunden Lauf Training

Quelle: Florian Reus

 

Florian Reus wurde im Jahr 2015 Weltmeister im 24-Stunden-Lauf und gewann den berühmten Spartathlon in Griechenland. Außerdem war er dreimal Europameister und viermal Deutscher Meister. Über die Jahre konnte er viele weitere Erfolge im Ultra-Running verzeichnen. Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, den erfahrenen Ultraläufer in Sulzbach bei Frankfurt zum Interview zu treffen.

 

Viele Menschen können kaum glauben, dass man tatsächlich 24 Stunden durchweg rennen kann. In jedem Fall ist das aber eine enorme Belastung für den Körper. Wie schaffst du es, deinen Körper grundsätzlich für eine solche Leistung vorzubereiten?

Da ich nie einen festen Trainer hatte, habe ich mich an den Sachen orientiert, die ich durch den Austausch mit anderen erfolgreichen Ultraläufern mitbekommen habe. Es gibt bei mir keinen in Stein gemeißelten Trainingsplan, aber ein Rahmenkonzept, nach dem ich mich richte. Vom Umfang her habe ich in den besten Jahren etwa 7000 Laufkilometer gesammelt. Ein Großteil davon war mein Grundpensum von bis zu 140-150 km in den „normalen“ Zeiten mit ein oder zwei Trainingseinheiten am Tag. Die Distanzen der einzelnen Läufe liegen hier aber unter 35 km.

 

Wie sieht deine unmittelbare Wettkampfvorbereitung aus?

In den 8 Wochen vor dem Rennen starte ich einen intensiven Vorbereitungsblock. Hier geht es von 200 km pro Woche in der Spitze bis hin zu 250 oder 260 km, wobei ich meist zweimal am Tag trainiere und auch lange Läufe bis 60 oder 70 km einbaue. Diese laufe ich aber sehr locker, im 24-Stunden-Wettkampftempo oder langsamer. Noch längere Läufe machen aus meiner Sicht in der Vorbereitung keinen Sinn. Gleichzeitig versuche ich, mein Training immer ein bisschen zu variieren. Gerne kombiniere ich zum Beispiel zwei lange Läufe, zum Beispiel 35 km am Freitag und dann nochmal 50 km am Sonntag. Echtes Tempo- oder Intervalltraining mache ich dagegen nicht, eher mal einen schnelleren Tempodauerlauf.

 

Du kannst dich also bei langen Trainingsläufen disziplinieren, relativ langsam zu laufen.

Ja, durchaus. Es ist auch wichtig, kontrolliert in moderatem Tempo laufen zu können, denn im Wettkampf kommt es genau darauf an. Bei einem 24-Stunden-Lauf werden die Platzierungen in der 2. Rennhälfte gemacht. Und um in der Lage zu sein, gut durch die Nacht zu kommen, ist es natürlich von Vorteil, wenn man sich nicht schon am Anfang verausgabt.

 

Gibt es in deinem 8-Wochen-Block überhaupt noch Ruhetage?

Eigentlich nicht. Zwar lasse ich auch mal eine Einheit weg oder verkürze sie, wenn ich die letzten 10 Tage durchtrainiert habe und mich schlecht fühle. Am ehesten gibt es aber mal einen „Pseudo-Ruhetag“. Das bedeutet, zum Beispiel am Montagmorgen zu trainieren und dann erst wieder am Dienstagabend. Im Kalender ist das keine Pause, aber von der Erholungsdauer eigentlich schon.

 

Was isst du vor, während und nach einem 24-Stunden-Lauf?

In den 2-3 Tagen vor dem Rennen geht es vorrangig ums Carboloading. Ich versuche, die Speicher so voll wie möglich zu machen und dabei viel zu trinken. Zusätzlich nehme ich Frubiase Sport, um mich optimal mit Mineralstoffen, Vitaminen und Spurenelementen zu versorgen. Am Morgen des Rennens esse ich meist Weißmehl-Brötchen mit Honig oder auch mal ein paar Kartoffeln. Während des Rennens ist meine Verpflegung überwiegend flüssig und basiert auf den Kohlenhydrat- und Iso-Drinks von Vitargo. Es ist also alles ganz gut durchgeplant. Erst nach dem Rennen erlaube ich mir, mal richtig nach Lust und Laune reinzuhauen. Hier können es zur Belohnung gern auch mal ein paar ungesunde Sachen sein.

 

Wie sieht deine Basisernährung aus?

Ich versuche, mich hauptsächlich von regionalem und saisonalem Gemüse und Obst zu ernähren. Einmal in der Woche fahren wir zum Markt, um dort die meisten Sachen zu kaufen, was immer auch eine kleine Entdeckungsreise ist und mir Spaß macht. Insgesamt ernähre ich mich fast ausschließlich vegetarisch und esse nur ab und zu mal Fisch. Was Nahrungsergänzung angeht, nehme ich nur Vitamin D im Winter.

 

Florian Reus Weltmeister 24 Stunden Lauf Turin

Im Jahr 2015 wird Florian Reus Weltmeister im 24-Stunden-Lauf. Quelle: Florian Reus

 

Worauf achtest du während des Rennens, was deinen Laufstil angeht?

Das wichtigste ist, konstant zu laufen und dabei eine aufrechte Haltung zu bewahren, ohne in einen „Schlappschritt“ zu verfallen. Das ist leichter gesagt als getan, wenn man schon 16 Stunden unterwegs ist. Meist nimmt dann die Schrittlänge immer weiter ab. Eine Möglichkeit, dem etwas entgegenzuwirken ist eine starke Rumpfmuskulatur durch regelmäßiges Stabi-Training.

 

Wie sind deine Erfahrungen mit Nüchternläufen?

Ich habe es damit mal eine ganze Weile etwas übertrieben. Fast jeden Tag war meine erste Laufeinheit des Tages nüchtern, und zum Teil spulte ich auch richtig lange Dinger bis um die 50 km nüchtern ab. Ich bekam dann aber Rückenprobleme und glaube rückblickend, dass es mit dem vielen Nüchterntraining zusammenhing, da eine Nebenwirkung davon sein kann, dass die Knochendichte abnimmt. Andererseits machte ich damals einen gewaltigen Leistungssprung, was vielleicht auch mit diesem Trainingsreiz zusammenhing.

 

Welche Schuhe läufst du im Wettkampf?

Lange Zeit hatte ich immer den gleichen Schuh, den Mizuno Wave Rider. Irgendwann wurde er mir aber zu weich und ich bin durch den Tipp eines befreundeten Läufers auf den New Balance 890 umgestiegen, der leichter ist und mehr Dynamik hat. Mit speziellen Einlagen habe ich auch mal eine Weile herumprobiert, aber habe diese Idee dann wieder verworfen.

 

Wie sieht deine Regeneration nach einem Wettkampf und im Allgemeinen aus?

Nach dem Rennen mache ich 10 Tage bis 2 Wochen komplett Pause und fange dann erst langsam wieder an. Dabei gehe ich das Training locker an und gebe mich mit wenig zufrieden, vielleicht 50 km in der Woche. Grundsätzlich ideal ist natürlich ausreichend Schlaf, aber das klappt bei mir auch nicht immer optimal. Ein Power Nap zur Mittagszeit ist super, wenn man es einrichten kann. Ansonsten versuche ich, möglichst regelmäßig zu Dehnen und meine Blackroll zur Selbstmassage zu nutzen, auch wenn ich mich dazu immer etwas überwinden muss. Richtige Massagen gab es eigentlich immer nur, wenn ich mit der Nationalmannschaft unterwegs war.

 

Hattest du außer deinen Rückenproblemen mal ernsthafte Verletzungen?

Eigentlich nicht. Klar, ein paar Kleinigkeiten gibt es immer, aber insgesamt bin ich wohl ziemlich robust. Wenn es mal kleinere Verletzungen gab, bin ich fürs Ersatztraining zum Aquajogging gegangen.

 

Wie sieht es bei einem so langen Rennen über 24 Stunden eigentlich mit Toilettenpausen und anderen Stopps aus?

In der Regel gibt es neben gelegentlichen kurzen Pinkelpausen keine Stopps. Die paar Sekunden dafür sind auch überhaupt nicht schlimm. Ganz im Gegenteil, es zeigt mir, dass ich genügend getrunken habe.

 

Hast du mentale Tricks, um an Tiefpunkten während des Rennens durchzuhalten?

Vor meinem WM-Sieg in Turin war ich schon früher als die anderen angereist und hatte die möglichen Szenarien im Rennen mehrfach im Kopf durchgespielt. Das war sicherlich ein Vorteil, um dann im Rennen die Tiefpunkte besser zu überstehen. Außerdem habe ich mich immer daran erinnert, wie ich schon in früheren Rennen erfolgreich über diese Phasen hinweggekommen bin. Das hat mir Vertrauen gegeben, es auch diesmal wieder durchzuziehen. In der Nacht habe ich bei vielen Rennen auch Kaffee getrunken, worauf ich mich immer gefreut habe und was mir subjektiv einen kleinen Schub gegeben hat. In der Endphase helfen auch koffeinhaltige Gels dabei, konzentriert zu bleiben.

 

Was ist rückblickend für dich persönlich der größte Erfolg im Ultra-Running?

Ganz klar der Gewinn des Weltmeistertitels im Jahr 2015 in Turin. Zwar war auch mein Sieg beim Spartathlon im gleichen Jahr eine große Sache und wurde medial vielleicht sogar höher bewertet. Aber ich weiß, dass der WM-Sieg aufgrund der hohen Leistungsdichte, der knappen Abstände und der mentalen Härte mehr wert ist. Das macht dieses Format eigentlich auch für Zuschauer spannend, da es so knapp ist und auch kurz vor Ende noch alles passieren kann. Beim Spartathlon sind die Abstände in den Top 10 relativ betrachtet um einiges größer.

 

Florian Reus Spartathlon 2015

Florian Reus während des Sparathlons, den er im Jahr 2015 gewinnen konnte. Quelle: Florian Reus

 

Das Jahr 2015 war also dein erfolgreichstes Jahr überhaupt, was auch die Auszeichnung als „Welt-Ultraläufer des Jahres“ durch die International Association of Ultrarunners zeigt.

Absolut. Natürlich wollte ich meine Kilometerleistung danach nochmal übertreffen und einen neuen deutschen Rekord im 24-Stunden-Lauf anpeilen, aber ich bin nicht wieder an dieses Niveau herangekommen. Inzwischen habe ich auch beschlossen, vom Perfektionismus entlang dieser Leistungsgrenze etwas zurückzutreten und die Dinge wieder lockerer anzugehen. Ich werde weiterhin an Wettkämpfen teilnehmen, aber nicht mehr den ganz großen Rekorden nachjagen. Das war eigentlich schon immer mein Plan, mal eine Weile alles zu probieren, was in Sachen Leistung rauszuholen ist, aber dann auch wieder auf einem normalen Niveau weiterzumachen. Laufen an sich macht einfach Spaß, da es so puristisch ist und man fast nichts dafür braucht. Das ist ja gerade das Schöne daran, was ich wieder mehr in den Vordergrund stellen möchte.

 

Hast du eigentlich jemanden als Vorbild?

Ja, den deutschen Rekordhalter im 24-Stunden-Lauf, Wolfgang Schwerk. Im Jahr 1987 lief er 276,2 km, was bis heute unerreicht ist. Später stellte er unzählige beeindruckende Rekorde bei verschiedenen Mehrtages-Rennen auf. Außerdem habe ich die japanischen Ultraläufer wegen ihrer Mentalität und brutalen Willensstärke als Vorbilder. Sie erbringen Spitzenleistungen, aber treten trotz allem immer bescheidenen auf.

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