Run Across Germany: Erfahrungsbericht und Fehleranalyse

In diesem Beitrag möchte ich meine Erfahrungen zusammenfassen, die ich beim Versuch gesammelt habe, Deutschland so schnell wie möglich von Süden nach Norden zu durchqueren. Wie man an der Formulierung schon erkennen kann, ist das Projekt leider gescheitert. Meiner Meinung nach liegt das aber nicht an der „Unmöglichkeit“ dieses Vorhabens, sondern an einer Kombination eigener Fehler, die deshalb auch genau analysiert werden sollen.

Am 26. April fahre ich zusammen mit Michaela mit dem Auto nach Immenstadt, wo wir bei Iris übernachten. Abends gehen wir noch Pizza essen und quatschen viel über unsere Touren der letzten Jahre. Ich fühle mich fit und habe dank meiner Checkliste auch nichts wichtiges zu Hause vergessen.

 

Bio Eier Verpflegung Essen Proviant Ernährung Run Across Germany Deutschlandlauf

Proviant für die nächsten Tage: 20 gekochte Bio-Eier.

 

1. Tag: Oberstdorf nach Aletshausen (99 km)

Wir frühstücken zusammen mit Iris und brechen dann in Richtung der südlichsten Stadt Deutschlands, Oberstdorf, auf. Gegen 8 Uhr kommen wir dort an. Es ist kühl und stark bewölkt mit leichtem Nieselregen, also akzeptables Laufwetter. Ist starte um 08:20 am Bahnhof in kurzer Hose, entscheide mich aber nach wenigen Minuten doch für einen Wechsel zur langen Hose, als Micha mit dem Auto vorbeifährt.

 

Marko Gränitz Start Oberstdorf Run Across Germany Deutschlandlauf

Kurz vor dem Start in Oberstdorf. Vielen Dank an meinen Hauptsponsor WH SelfInvest sowie meine Unterstützer Laufstil in Würzburg, Saucony und pjuractive.

 

Durch den recht späten Start ist eigentlich klar, dass ich heute nicht allzu weit laufen kann. Der Plan sieht knapp 80 km vor, was durchaus machbar ist. Über Sonthofen geht es nach Kempten, wo die erste größere Pause ansteht. Dann weiter nach Ottobeuren, wo ich Micha treffe und die zweite längere Pause mache.

Die Temperatur ist mit rund 10 Grad optimal. Nur ab und zu gibt es einen leichten Schauer, aber ich kann ohne Regenjacke durchlaufen. Zudem weht heute ein angenehmer Rückenwind und auf den kleinen Straßen herrscht insgesamt sehr wenig Verkehr.

Unterwegs sind neben vielen Kühen auch unzählige Plakate der einzelnen Parteien zur Europawahl zu sehen, was mich auch die nächsten Tage fortlaufend begleiten wird. Ebenfalls begleiten wird uns der schlechte Internetempfang auf den Dörfern, wo man trotz des besten Netzanbieters (Vodafone) immer mal wieder offline ist. Gut, wenn man hier die Karten und vor allem die Routen auf Google Maps vorgeladen hat.

 

Marko Gränitz Ottobeuren Run Across Germany Deutschlandlauf

In Ottobeuren habe ich noch gut Lachen.

 

Ich fühle mich sehr gut und entscheide, etwas weiter als geplant zu laufen. Statt „nur“ bis Erkheim (78 km) soll es nun bis Breitenbrunn (92 km) gehen. Bis dahin wird leider auch das Wetter schlechter und es beginnt, dauerhaft zu regnen. Hinzu kommt, dass Micha in Breitenbrunn keine Unterkunft findet und deshalb auf das weiter nördliche Aletshausen ausweichen muss.

Ich möchte mich trotz der zusätzlichen 7 km im Regen und Wind nicht abholen und am nächsten Morgen zurückfahren lassen. Also beschließe ich, auch dieses Stück noch durchzulaufen. Rückblickend ist das ein klarer Fehler, denn insgesamt sind es immerhin rund 20 km mehr als geplant…

Abends habe ich kaum Hunger, aber stopfe neben dem Whey- und Kollagen-Shake trotzdem so viel rein, wie irgendwie geht. Auch in den nächsten Tagen werde ich Schwierigkeiten haben, sowohl tagsüber als auch abends genügend Kalorien aufzunehmen, um das große Defizit vom Laufen auszugleichen, und entsprechend an Gewicht verlieren. Gleichzeitig ist es schwer, abends einzuschlafen, wenn der Puls vom langen Laufen noch erhöht ist und zudem große Essensmengen verdaut werden müssen.

 

2. Tag: Aletshausen nach Kirchheim am Riess (85 km)

Ich wache mehrmals nachts auf, weil ich schwitze oder es in den Beinen zwickt. Das ist ähnlich wie bei meinem dreitägigen Testlauf nach Auerswalde, weshalb ich dies als „normal“ betrachte. Der Körper befindet sich während eines solchen Projekts eben im Ausnahmezustand. Die erhöhten Stresshormone tragen auch dazu bei, dass ich ohne Wecker rechtzeitig gegen 6 Uhr aufwache, um in den neuen Lauftag starten zu können. Insgesamt kommen deshalb kaum mehr als 5 bis 6 Stunden Schlaf pro Nacht zusammen, was natürlich auch die Regeneration beeinträchtigt.

 

Loslaufen Anlaufen Marko Gränitz Marko Gränitz Kirchheim Run Across Germany Deutschlandlauf

Die ersten Schritte morgens sind immer schmerzhaft. Solange es keine ernsthaften Verletzungen gibt, kann man sich aber mit der Zeit warmlaufen und einen guten Rhythmus finden.

 

Das Wetter ist heute zum Glück besser als gestern Abend, die Straßen sind trocken. Wegen leichter Schmerzen an rechten Innenmeniskus laufe ich ab heute mit einer Kniebandage, die ihren Zweck recht gut erfüllt. Vielleicht wäre es gut gewesen, diese schon am ersten Tag zu tragen, da ich weiß, dass das rechte Knie etwas schwächer ist. Auch auf der Oberseite des rechten Fußes sind die Sehnen und Bänder bereits etwas druckempfindlich.

Die Route führt heute durch viele kleine Ortschaften, in denen ich unzählige Jesuskreuze zähle. Ganz so, wie man es in Bayern auf dem Land auch erwarten würde. In den größeren Ortschaften ist der Verkehr dann etwas stärker als gestern, aber immer noch moderat.

In der Nähe von Offingen mache ich eine lange Pause an der Radlertankstelle, während gerade ein heftiger Hagelschauer durchzieht. Perfektes Timing. Der Wirt lässt mich sogar als „besonderen Gast“ in sein Buch schreiben und spendiert mir einen extra Kaffee – vielen Dank!

 

Offingen Donau Radler Tankstelle Run Across Germany Deutschlandlauf

Nichts los heute an der Donau-Radlertankstelle bei dem wechselhaften Wetter.

 

Später am Tag führt mich Google Maps kreuz und quer (und auf und ab) durch einen Wald. Leider ist hier einer der Wege, den ich laufen soll, überhaupt nicht vorhanden. Ich muss mich also im Gehtempo mehrere hundert Meter durch das Unterholz schlagen, um einen riesigen Umweg zu vermeiden. In Zukunft werde ich Waldstrecken lieber mit der zuverlässigen Wander-App ViewRanger abgleichen. Zur Navigation auf Straßen ist Google Maps dagegen hervorragend und bleibt mein Haupt-Tool, um den kürzesten Weg von Süd nach Nord zu finden.

Bei der Ankunft in Kirchheim bin ich schon ziemlich müde und spüre wieder die Schmerzen im rechten Knie und Fuß. Allerdings sind diese gut auszuhalten und fühlen sich wie ein  „normaler“ Belastungsreiz an, nicht wie eine sich anbahnende Verletzung.

 

Kirchheim Riess Run Across Germany Deutschlandlauf

Super Hotel in Kirchheim am Riess. Leider habe ich kaum Zeit, es wirklich zu genießen.

 

3. Tag: Kirchheim am Riess nach Gollhofen (90 km)

Nachts wache ich zwei- oder dreimal auf, aber kann mich ansonsten ganz gut erholen. Am Morgan dann das gewohnte Müsli mit Proteinpulver, bevor der Laufrucksack mit Wasser, Trockenfrüchten und Energieriegeln gepackt wird und es wieder auf die Strecke geht.

Meine erste Pause ist in Dinkelsbühl, wo es große Teile der intakten alten Stadtmauer zu bestaunen gibt. Dann geht es mit Gegenwind und viel Lastwagenverkehr entlang der B25 weiter in Richtung Rothenburg mit Zwischenstopp in Feuchtwangen. Das Laufen direkt an der großen Bundesstraße ist ziemlich unangenehm, aber lässt sich leider nicht vermeiden.

Später habe ich ein lustiges Erlebnis, als ich auf einer Brücke die A7 überquere und danach rechts auf einen kleinen Feldweg abbiege: Dort parkt ein Auto und ich nehme zunächst an, dass jemand mit dem Hund Gassi geht. Als ich mich nähere, sehe ich jedoch ein nacktes Pärchen auf dem Vordersitz. Sie haben mich bereits heranlaufen sehen, sodass es keinen Sinn mehr macht, irgendeinen Bogen zu nehmen, also grüße ich kurz und lache vor mich hin. So eine Situation habe ich beim Joggen noch nie erlebt 🙂

 

Wald Google Maps Run Across Germany Deutschlandlauf

Google Maps schickt mich auf dem kürzesten Weg manchmal auch durch (hügelige) Waldstücke mit Sackgassen.

 

Kurz danach vergeht mir ab dem kleinen Ort Gebsattel aber das Lachen, denn es beginnt nun, dauerhaft zu regnen. Ich pausiere später noch in einem Gasthof in Steinsfeld, bevor es wieder ins Nasse geht. Unterwegs hält sogar ein Autofahrer an und fragt besorgt, ob er mich mitnehmen kann. „Alles ok“, sage ich, „ich jogge hier“.

Komplett durchgeweicht und abgefroren komme ich in Gollhofen an, wo mir Micha zum Glück schon heißes Wasser in die Badewanne gelassen und eine fette Pizza als Abendessen organisiert hat – danke!

 

Marko Gränitz Gollhofen Regen Run Across Germany Deutschlandlauf

Ankunft in Gollhofen, völlig durchgeweicht und ausgekühlt durch stundenlanges Laufen im Regen und Wind.

 

Bei der abendlichen Massage spüre ich, dass sich links auf der Oberseite des Knöchels eine Sehne extrem druckempfindlich anfühlt. An dieser Stelle hatte ich noch nie Probleme, sodass ich einfach hoffe, dass sich das Ganze über Nacht wieder beruhigt.

 

4. Tag: Gollhofen nach Poppenlauer (80 km)

Heute wache ich nachts mehrmals mit Schmerzen in den Knien auf. Das liegt wohl daran, dass sich das Gelenk bei langem Liegen versteift und Bewegungen im Schlaf dann dazu führen, dass es weh tut. Tagsüber beim Laufen ist es zwar deutlich besser, aber die zunehmende Intensität der Schmerzen bereitet mir langsam etwas Sorgen. Die Schmerzen am rechten Knöchel liegen dagegen noch im erträglichen Bereich.

Anfangs läuft es heute ganz gut. Micha überholt mich am Vormittag und fährt schonmal nach Volkach vor, wo wir uns mittags mit ihren Eltern treffen möchten. Doch bevor es dazu kommt, spüre ich, dass die Haut an den Fußunterseiten vom langen Lauf im Regen am Vortag noch etwas aufgeweicht ist. Hier war der Fehler, nachts mit Kompressionssocken zu schlafen, wodurch die Haut nicht vollständig austrocknen konnte. Ich rufe Micha an und wir organisieren unterwegs einen Wechsel in komplett trockene Socken und Schuhe.

Auf dem Weg nach Volkach spüre ich, wie die Sehne am linken Knöchel wieder zunehmend Probleme macht. Trotz einiger kurzer Pausen beruhigt sich die Sache nicht wirklich. Bis Volkach komme ich aber gut durch und mache hier eine ganze Stunde Pause, nach der sich alles wieder besser anfühlt. Zudem haben Micha’s Eltern ein Paar neue Saucony Triumph Iso 5 vom Laufstil in Würzburg mitgebracht, die ich gleich anziehe.

 

Raps Schwebheim Run Across Germany Deutschlandlauf

Kurze Pausen auf dem Weg nach Schweinfurt sind willkommen, um dem schmerzenden Fuß eine Pause zu gönnen.

 

Allerdings sind wir nach der langen Pause spät dran, was den Zeitplan für das heutige Etappenziel angeht. Also weiter. Unterwegs spüre ich aber schnell, dass der linke Fuß (und zunehmend auch der Unterschenkel) einfach keine Ruhe geben. Ich muss mehrmals anhalten, weil die Schmerzen jetzt ziemlich deutlich sind.

In Schwebheim bin ich fast zu der Überzeugung gelangt, dass es jetzt besser wäre, für heute schon im nahen Schweinfurt aufzuhören und dem Körper etwas Ruhe zu gönnen. Ich versuche, Micha anzurufen, damit sie dort ein Hotel buchen kann, aber ich erreiche sie nicht.

 

Fuß Schwellung Run Across Germany Deutschlandlauf

Das sieht nicht gut aus. Der linke Fuß ist am Knöchel auf der Außen- und Oberseite deutlich geschwollen und schmerzt stark.

 

Auf den nächsten Kilometern schaffe ich es ganz gut, den Schmerz zu „überlaufen“ und mich langsam daran zu gewöhnen, dass es eben bei jedem Schritt weh tut. Im Nachhinein ist das ein offensichtlicher Fehler, da die Schmerzen einfach zu stark waren, um nur „normale“ Belastungssymptome zu sein. Inzwischen habe ich Micha aber bereits gesagt, dass sie die ursprünglich geplante Unterkunft in Poppenlauer buchen soll, sodass ich jetzt bis dahin durchlaufen möchte.

Auf den letzten Kilometern pausiere ich mehrmals und sehe, dass der Fuß immer weiter anschwillt. Zudem spüre ich plötzlich ein leichtes Stechen in der rechten Achillessehne, mit der es beim Testlauf bereits Probleme gab. Erstmals seit dem Start des Laufs nehmen die Probleme überhand, auch wenn ich mich zwinge, optimistisch zu bleiben und zu hoffen, dass sich das Ganze bis zum nächsten Tag wieder legt.

Als ich endlich in Poppenlauer ankomme, holt mich Micha ab, damit der letzte Kilometer bergauf bis zur Unterkunft entfällt – denn dieser Umweg gehört nicht zur direkten Strecke.

Micha macht ein finsteres Gesicht, als sie abends meinen Fuß sieht, was mich ziemlich erschreckt. Mir wird klar, dass es keine gute Idee war, heute so lange über den Schmerz zu laufen und ich versuche, die Stelle immer wieder mit kaltem Wasser zu kühlen. Vor dem Schlafen bekommen die Füße auch noch eine Ladung Fettcreme verabreicht, da die Haut bereits ziemlich angegriffen aussieht – das haben wir in den letzten Tagen ebenfalls vernachlässigt.

 

5. Tag: Poppenlauer nach Sondheim vor der Rhön (33 km)

Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, nachts mit Schmerzen aufzuwachen. Auch heute ist es wieder so, wobei die Intensität zumindest nicht zunimmt.

Als ich morgens den linken Fuß betrachte, verfliegt der Optimismus aber schnell, denn es sieht eher schlechter als besser aus. Erneut der Versuch, mehrmals mit kaltem Wasser zu kühlen. Zudem verschieben wir den Start heute auf 10 Uhr, um dem Körper noch etwas Ruhe und Erholungszeit zu gönnen.

Dann setzt Micha mich wieder unten im Dorf an der Strecke ab, wo ich gestern angehalten habe. Die ersten Meter laufe ich im Schritttempo und schaffe es dann, mich ins langsame Joggen zu steigern. Nach einigen Kilometern denke ich, dass es tatsächlich wieder einen Tag lang klappt, weiterzulaufen.

Es ist heute der 1. Mai und damit ein Feiertag, an dem ich unterwegs viele Wanderer treffe. Auch das Wetter ist ganz gut, sodass ich unterwegs zum ersten Mal ordentlich schwitze.

Die erste längere Pause ist an einer Tankstelle in Bad Neustadt, nachdem ich schon zuvor einige kürzere Stopps einlegen musste. Der Fuß fühlt sich inzwischen wieder sehr instabil an und schmerzt zunehmend. Dennoch hoffe ich das Beste und raffe mich jedes Mal wieder auf.

Doch am frühen Nachmittag wird klar, dass es heute auf keinen Fall mehr nach Plan läuft. Die Geh- und Sitzpausen werden immer länger und der Schmerz verschwindet überhaupt nicht mehr,

Einige Kilometer später halte ich an einem kleinen Eisbach an, um den Fuß dort ausgiebig zu kühlen. Kurzfristig bringt das zwar eine Schmerzlinderung, aber schon wenig später ist alles wie zuvor. Mir wird klar, dass jetzt nur Ruhe hilft, um die Sache vielleicht noch irgendwie zu retten.

Ich rufe Micha an und sage ihr, dass sie eine Unterkunft in nächsten größeren Ort, Sondheim, buchen kann – wohl wissend, dass ich so heute insgesamt kaum mehr als 30 Kilometer schaffe. Damit ist mein „Vorsprung“ der ersten Tage dahin.

 

Back Fuß kühlen Run Across Germany Deutschlandlauf

Angenehme Fußkühlung im eiskalten Wasser eines kleinen Bachs.

 

Gegen 17 Uhr komme ich in Sondheim an und hoffe, dass die lange Ruhezeit bis zum nächsten Morgen eine Wunderheilung bringt.

Am Abend gehen (bzw. humpeln) wir auf Empfehlung unserer Gastgeberin ins nahegelegene Sportheim, um dort Pizza zu essen. Wir sind zunächst etwas skeptisch, aber auch die Bewertungen auf Google sind top. Und tatsächlich: Die vegetarische Pizza, die wir bestellen, ist vielleicht sogar die beste, die ich jemals gegessen habe! Also doch noch ein Happy End heute?!

 

6. und 7. Tag: Pause in Sondheim vor der Rhön

Leider bleibt die Wunderheilung aus. Nach einer überdurchschnittlich schmerzhaften Nacht liege ich morgens lange im Bett. Schon beim Aufstehen wird klar, dass heute nur ein Ruhetag sein kann, denn ich kann kaum einen Schritt gehen. Also versuche ich gar nicht erst, loszulaufen, sondern lege mich gleich wieder hin. Über dem Knöchel hat sich auf der Außenseite des linken Unterschenkels zudem ein schmerzhafter Knoten an der entzündeten Stelle gebildet, der mich nicht gerade zuversichtlich stimmt.

Den Tag verbringe ich überwiegend im Sitzen und im Liegen. Das Wetter ist gut, sodass man vor der Haustür wenigstens Sonne tanken kann. Zwischendurch werden die Füße und Unterschenkel mehrmals im 50 Meter entfernten Kneipp-Becken am Bach gekühlt. Außerdem kreise ich aus der Liegeposition heraus mit den Beinen („Radfahren“ in der Luft), um die Knie zu regenerieren und den Blutfluss zu fördern, und streiche immer wieder ganz leicht mit Massageöl über die schmerzenden Stellen.

 

Sondheim Marko Gränitz Run Across Germany Deutschlandlauf

Zwangspause in Sondheim. Der linke Fuß ist mächtig angeschwollen und schmerzt stark.

 

Micha macht tagsüber eine längere Radtour, sodass für mich zwischendurch genug Zeit ist, um Mails zu checken und ein paar Sachen abzuarbeiten. Abends schauen wir uns zur Ablenkung die erste Folge der letzten Game-of-Thrones-Staffel an, die erst vor kurzem angelaufen ist, bevor ich den Rucksack für den nächsten Lauftag packe.

Am nächsten Morgen dann die Ernüchterung: Sowohl die Schmerzen als auch die Schwellung sind nahezu unverändert. Ich versuche, ein paar Schritte zu joggen, aber muss schnell einsehen, dass ein weiterer Ruhetag unausweichlich ist. Damit liegen wir jetzt 2 Tage hinter dem Plan. Wenn wir jetzt noch in Glücksburg ankommen möchten, darf ab morgen absolut nichts mehr schiefgehen, damit es mit den geplanten 75 Kilometern pro Tag noch bis dahin klappt.

 

8. Tag: Sondheim vor der Rhön nach Berka/Werra (64 km)

Nach dem beiden Ruhetagen habe ich heute Nacht tatsächlich gut geschlafen. Am Morgen regnet es stark, sodass ich noch bis 9 Uhr abwarte. Nachdem dem Start verwandelt sich der Regen allerdings in einen richtigen Schneesturm, in dem ich trotz Regenjacke und Handschuhen ordentlich friere.

 

Schnee Rhön Run Across Germany Deutschlandlauf

Morgens kämpfe ich mich durch einen Schneesturm in der Rhön, bei dem mir die Finger einfrieren. Zum Teil bleibt der Schnee bis mittags liegen – und das Anfang Mai.

 

Wirkliche Sorgen bereitet mir aber nicht die Kälte, sondern nach wie vor der Fuß. Ich versuche, nach links abfallende Straßenabschnitte zu meiden oder notfalls auf die andere Seite zu wechseln. Es liegt der Verdacht nahe, dass das Laufen auf permanent „schräger Straße“ zur Entstehung der Verletzung beigetragen hat.

In Kaltennordheim hupt es plötzlich von hinten und kurz darauf überholt mich Micha, die zufällig auf der gleichen Straße unterwegs ist. Sie fährt heute auf ihrem Tagesausflug in die Therme nach Bad Salzungen – darauf hätte ich jetzt auch Lust. Zumindest hört aber der Schneefall langsam auf und es wird etwas wärmer.

Im nächsten größeren Ort, Dermbach, lege ich in einem Gasthof eine längere Pause ein. Inzwischen sind auch die Schmerzen wieder zurück. Auch neue Probleme drücken auf die Moral, nennen wir es mal ganz allgemein „Aufschürfungen“. Zwar ist das kein Grund, aufzuhören, aber eben ein weiterer, permanent unangenehmer Schmerz.

Stück für Stück schleppe ich mich weiter nach Dorndorf und dann über den Hügel in Richtung Berka/Werra. Allerdings muss ich immer wieder kurz anhalten, damit die Schmerzen etwas nachlassen, sodass die heutige Etappe trotz ihrer „nur“ 64 Kilometer und wegen des späten Starts fast den ganzen Tag in Anspruch nimmt.

 

Berka Werra Run Across Germany Deutschlandlauf

Kurz vor Berka/Werra laufe ich in dieser super Kulisse. Es kommt wieder ein gutes Gefühl auf und die Schmerzen sind kurzzeitig vergessen.

 

Die letzten 2 Kilometer laufen aufgrund des schönen Wetters und der tollen Landschaft nochmal erstaunlich gut. Doch gleich nach der Ankunft in Berka/Werra spüre ich, wie sehr mir dieser Tag wirklich in den Knochen steckt. Wir gehen noch Abendessen im Gasthaus nebenan und nehmen eine ordentliche Ladung Eis mit aufs Zimmer, um die angeschwollenen Stellen zu kühlen.

 

9. Tag: Berka/Werra nach Groß Schneen (68 km)

Ich laufe mit wenig Optimismus los, aber nach ein paar Kilometern findet sich tatsächlich wieder einen Rhythmus. Es ist morgens manchmal aussichtslos zu glauben, dass man überhaupt noch einen Meter rennen kann, und doch kann es sein, dass man am Ende irgendwie wieder einen ganzen Tag lang durchhält. Und so ist es auch heute.

Ein leichter Tag ist es aber keineswegs. Die Schmerzen am rechten Innenmeniskus sind jetzt stärker geworden, während der geschwollene Fuß sich tatsächlich etwas zu bessern scheint. Das gelegentliche Stechen in der rechten Achillessehne nehme ich sehr ernst. Die übrigen Problemstellen schmerzen zwar permanent, aber sind nichts, was mein Weiterkommen gefährdet.

In einem Randbezirk der Stadt Eschwege ist die erste längere Pause bei Kaffee und Kuchen. Anschließend nehme ich abweichend von Google Maps einen kleinen Umweg, um mir unnötige Höhenmeter zu ersparen, was die Achillessehne etwas entlastet.

 

Oberrieden Run Across Germany Deutschlandlauf

Sonniges, aber dennoch angenehm kühles Wetter die meiste Zeit heute, so wie hier in Oberrieden.

 

Später hält mich zum ersten Mal auf diesem Lauf die Polizei an. Ein besorgter Verkehrsteilnehmer hatte gemeldet, da würde „ein Verrückter“ direkt auf der Straße herumrennen. Das stimmt auch, denn an einer Stelle gab es eben keinen Fußweg oder Seitenstreifen. Die Beamten interessieren sich aber vorrangig für den Lauf und fragen, wie alles organisiert ist, wo Start und Ziel sind und so weiter, sodass diese kurze Pause sehr angenehm verläuft.

Kurz darauf geht die Strecke nochmal über einen Hügel, der sich leider nicht vermeiden lässt. Kurzzeitig ist der Trail hier extrem steil, sodass man ihn kaum noch gehen (!) kann. Ich mache bewusst ganz langsam, um bloß keine weitere Belastung auf die Achillessehne zu bringen. Anschließend ruft Micha kurz wegen des Hotels an und wir entscheiden, nicht bis nach Göttingen zu laufen, sondern schon kurz vorher in Groß Schneen für heute aufzuhören.

 

10. Tag: endgültiger Abbruch

Ich komme morgens ewig nicht aus dem Bett, fühle mich schlapp und ausgebrannt. Doch wie immer raffe ich mich auf, packe den Rucksack und laufe los. Micha hatte schon einige Male anklingen lassen, dass sie schon längst aufgehört hätte. Heute aber macht sie sich auch Sorgen um meinen mentalen Zustand. Denn gerade beim Laufen an der Straße ist eben auch ständige Konzentration auf den Verkehr gefragt. Bisher hatte ich damit noch keine Probleme.

Schon die ersten Schritte fühlen ich heute ganz anders an als die Tage zuvor. Stechende Schmerzen im rechten Knie, eine steife und zwickende Achillessehne, der immer noch leicht geschwollene Knöchel und meine Aufschürfungen machen sich alle gleichzeitig bemerkbar.

Hinzu kommt ein neues Problem, das ich seit gestern Abend spüre: Ein Schmerz im linken Vorfußbereich, der sich anfühlt wie mein Ermüdungsbruch vor einigen Jahren. Gestern Abend konnte ich die Zehen kaum nach oben bewegen, da sofort eine Blockade und einen Schmerz zu spüren waren. Ich hielt das für ein muskuläres Problem oder eine Überbelastung einer Sehne, doch jetzt fühlt es sich eher nach einer knöchernen Ursache an.

Ich versuche, kurz stehen zu bleiben, zu gehen und dann erneut anzulaufen. Vielleicht muss ja erst alles wieder warm werden? Doch die Schmerzen in allen Bereichen bleiben konstant. Nach gerade mal 500 Metern setze ich mir das Ziel, es zumindest einen Kilometer lang zu probieren.

Dann kommt die plötzliche, klare Erkenntnis, dass hier und jetzt, auf der Landstraße nach Göttingen, die einzige rationale Option darin besteht, den Lauf endgültig abzubrechen. Mit jedem weiteren Schritt riskiere ich eine dauerhafte Verletzung, sei es ein Ermüdungsbruch, Achillessehnenabriss oder Meniskusschaden, was meine Gesundheit nachhaltig beeinträchtigen würde.

Es ist vorbei. Ich rufe Micha an. Sie ist noch im Hotel und ich sage ihr, dass sie noch nicht auschecken soll. Dann versuche ich ein letztes Mal, doch noch weiter zu laufen, aber es ist vergeblich. Nach 1,25 Kilometern holt Micha mich ab. Sie ist sichtlich erleichtert, dass ich aufhöre. Wir fahren zurück zum Hotel, wo ich mich noch eine Stunde hinlegen kann.

Bis kurz vor Göttingen habe ich es geschafft, rund 520 km weit, den größten Teil davon in den ersten vier Tagen.

 

Abbruch Marko Gränitz Run Across Germany Deutschlandlauf

Heute muss ich den Lauf nach mehr als der Hälfte der Strecke kurz vor Göttingen leider endgültig abbrechen. Die Schmerzen sind an mehreren Stellen unerträglich, was ein hohes Risiko für eine dauerhafte Verletzung bedeutet.

 

Am Vormittag brechen wir auf und fahren mit dem Auto nach Hamburg. Von dort aus geht es am nächsten Tag weiter nach Boltenhagen (Ostsee), um ein paar sehr ruhige Reha-Tage mit viel Schlafen und Essen zu verbringen.

 

Fazit

Es ist gefährlich, sich bei einem langen Etappenlauf nach dem Gefühl zu richten, auch wenn ich in meinen bisherigen Wettkämpfen damit oft Erfolg hatte. Denn am Anfang fühlt man sich eben auch dann noch stark, wenn schon 80 Kilometer in den Beinen stecken. Das ist anders als beim Radfahren, da hier die mechanische Belastung viel geringer ist und man sich mit ein oder zwei Monster-Etappen zu Beginn durchaus einen Vorsprung herausarbeiten kann, der sich später halten lässt.

Beim Laufen ist das Problem dagegen die fortschreitende orthopädische Belastung. Dabei habe ich unterschätzt, wie sich dies über mehrere Tage auswirkt, selbst wenn die Belastung anfangs moderat erscheint. Die bessere Philosophie ist deshalb, so lange wie möglich moderate Etappen zu laufen, auf denen man sich im Idealfall überhaupt keine größeren Probleme einfängt – geschweige denn, sich bereits nach zwei oder drei Tagen quälen zu müssen – und dann lieber zum Ende hin nochmal richtig Gas zu geben, wenn das große Ziel in greifbare Nähe rückt.

An dieser Stelle möchte ich nochmal meine drei größten Fehler zusammenfassen:

● zu viele Kilometer in den ersten Tagen (Laufen nach Gefühl statt nach Plan sowie der Versuch, Vorsprung herauszulaufen)

● zu wenig Schlaf und zu geringe Nahrungsaufnahme (zum Teil auch aufgrund langer Tagesetappen)

● Überlaufen starker Schmerzen und zu späte Entscheidung für Ruhetag (bereits entstandene Verletzung)

 

Ein wichtiger Punkt ist natürlich auch, dass dieses Projekt von Vornherein eine absolute Gratwanderung darstellte. Man muss eben etwas verrückt sein, um das Ganze überhaupt zu versuchen, und wenn man verrückt ist, dann übertreibt man es eben auch schnell. Oder anders ausgedrückt: Es ist sehr schwer, ambitioniert zu planen und das Ganze dann gleichzeitig vernünftig und konservativ umzusetzen. Genau das ist aber die große Kunst, die ich erlernen muss!

Ich habe diesen Lauf abbrechen müssen, aber das Projekt deshalb nicht aufgegeben. Ein zweiter Versuch wird kommen, wenn nicht in diesem dann im nächsten Jahr.

3 Kommentare zu Run Across Germany: Erfahrungsbericht und Fehleranalyse

  1. AvatarIris sagt:

    Lieber Marko, schön, dass du noch einen Versuch planst. Ich freu mich schon, wenn ihr wieder bei übernachtet. Und ich hab eine gute Idee 🤗… du machst den nächsten Versuch im Oktober, da sind die Tage so kurz, dass du gar nicht viel mehr wie 80 km schaffst bei Tageslicht. Bei meinen Reisen im Winter ist das immer so, dass ich mit dem Licht kämpfe, aber das hat halt auch Vorteile und bei mir ist das Endergebnis besser. Lg iris

  2. AvatarMarko sagt:

    Danke Iris, mal schauen. Beim 2. Versuch sollte es dann hoffentlich klappen 🙂

  3. AvatarIris sagt:

    Das klappt 😊

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