Mein erstes Everesting

Bei einem sogenannten „Everesting“ geht es darum, die Höhenmeter des Mount Everest, dem mit 8848 Metern höchsten Berg der Welt, innerhalb eines Tages zurückzulegen.
Klingt verrückt oder? Wie kommt man also auf die Idee, dabei mitzumachen? Und warum mit dem Rad und nicht zu Fuß, wie man es von einem Ultraläufer erwarten würde?
Ganz einfach: Seit November 2025 habe ich Probleme mit einem Fersensporn. Zwar arbeite ich daran, dass es besser wird (Blackroll, Krafttraining, Dehnen). Kurze Läufe sind inzwischen auch wieder möglich, aber an Ultra-Wettkämpfe ist noch nicht zu denken.
Kurzer Rückblick
Schon im Januar war absehbar, dass die Ferse ein langwieriges Problem ist. Deshalb hatte ich überlegt, zum Ausgleich wieder mehr Rad zu fahren. Als Motivation dafür meldete ich mich bei einem Everesting-Event an. Denn ist ist immer gut, auf ein konkretes Ziel hin zu arbeiten.
Doch dann kam der Alltag dazwischen. Von den vielen Radfahrten, die ich mir vorgestellt hatte, wurden die wenigsten umgesetzt. Um ehrlich zu sein fehlte mir einfach der nötige Respekt vor dieser Herausforderung. Deshalb kamen bis zum Wettkampf nur 1800 Radkilometer zusammen – ein Drittel davon im Trainingslager Ende Mai, also reichlich spät als Vorbereitung für das Event.
Mit meiner Erfahrung aus vielen Ultraläufen dachte ich, das wird schon irgendwie klappen, wenn man sich nur die Kraft gut einteilt und unterwegs genug isst. Und um eines vorwegzunehmen: Es hat auch geklappt. Aber bei weitem nicht so leicht, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ganz im Gegenteil: Es wurde richtig knapp, und eine ziemliche Quälerei…



Aufgrund der sehr sportlichen Sitzposition war das Aerorad nicht die beste Wahl für das Everesting. Bei rund 5000 Höhenmetern begannen die Probleme: Starke Verspannungen im Rücken und Nacken sowie zunehmende Schmerzen am Ansatz der Oberschenkelmuskeln in beiden Knien. Ich musste mehrmals pausieren, vom Rad absteigen und mich für einige Minuten flach auf den Boden legen. Das hat die Verspannungen zwar gelindert, aber hielt immer nur eine Weile an. Auch ein leichtes Dehnen der Oberschenkel war angenehm. Zumindest, bis ich wieder auf dem Rad saß und weiter getreten habe.
Was mich motiviert hat, weiter durchzuhalten, waren die anderen Teilnehmer. Wir sind nicht wie in einem klassischen Rennen gegeneinander gefahren, sondern haben uns beim Entgegenkommen auf der Abfahrt gegrüßt und mit kurzen Kommentaren oder Handbewegungen unterstützt. Dabei konnte man auch sehen, dass die anderen genauso leiden, es aber trotzdem schaffen wollen. Also lag der positive Gedanke nah: „Wenn die es können, dann kann ich das auch!“

Das Finale
Vor allem das letzte Drittel war brutal anstrengend. Denn er ist wirklich verdammt hoch, dieser Mount Everest! Aber während meines größten mentalen Tiefs bei knapp 6000 Höhenmetern dachte ich daran, wieder bei Null anfangen zu müssen, wenn ich aussteige und es irgendwann erneut versuche. Leichter wäre es dann auch nicht. Also lieber gleich durchziehen, solange das Zeitlimit es zulässt.
Dank unzähliger Gels, literweise Cola als Koffein-Keule gegen die immer wieder aufkommende Müdigkeit und einem Haufen Energieriegel und Bananen konnte ich mich mit insgesamt 380 gefahrenen Kilometern und 9000 Höhenmetern ins Ziel retten – etwa 20 Minuten, bevor der Wettkampf um 22 Uhr endete. Dabei hatte ich mit einer kleinsten Übersetzung von 36 auf 30 Ritzel großes Glück, dass der Anstieg nie steiler als 7 Prozent war, sonst wäre es wohl aus gewesen.


Wie sagt man so schön: Der Schmerz vergeht, der Erfolg bleibt. Genau so ist es auch diesmal. Schon im Ziel war die Hälfte wieder vergessen. Was am Ende zählt, ist, es geschafft zu haben – und sich an einen sehr langen Tag auf dem Rad erinnern zu können, zusammen mit einem ganzen Haufen anderer Verrückter 🙂
PS: Auf dem Rad wird es wohl mein erstes und letztes Everesting bleiben. Zu Fuß stehen die 9000 Höhenmeter aber auch noch an, sobald die Ferse es zulässt und sich ein passendes Event bietet.