Das Woodstock des Trailrunning

17. Oktober 2021
Marko TrailDorado 24-Stunden-Lauf
In den ersten Stunden fühlt sich das Laufen einfach und leicht an. Foto: Traildorado.com / Svenja Schrade

 

Besser spät als nie. Es hat einige Tage gedauert, bis ich diesen Bericht schreiben konnte. Erstmal musste ich alles verarbeiten. Anschließend kam viel Arbeit im Job dazu. Und dann habe ich noch eine andere Sache „am Bein“, worauf ich später nochmal zurückkomme…

 

TrailDorado, das Lauffestival

Ich war also letztes Wochenende zum ersten Mal beim TrailDorado am Start. Das ist ein 24-Stunden-Lauf, der auf einem Rundkurs im Wald mit vielen Höhenmetern ausgetragen wird. Neben Forstwegen und Singletrails hat die Runde auch verschiedene Stolpersteine, Wurzeln und eine besonders steile Rampe zu bieten – inklusive einer Umgehung namens „Pussy Lane“, die zwar flacher, aber dafür länger ist.

Begleitet wird der eigentliche Lauf von einem Rahmenprogramm, das an ein Festival erinnert: Musik, Vorträge, und ein wärmendes Lagerfeuer, das es vor allem nachts schwer macht, weiterzulaufen statt sich hinzusetzen. Auf der Website des Veranstalters steht, dass einige Läufer das Event sogar als „Woodstock des Trailrunning“ bezeichnen. Bei so viel Euphorie kann es kaum verkehrt sein, sich dort mal blicken zu lassen, oder?

Na gut, spontan zu starten ist vielleicht doch etwas naiv. Denn „eigentlich“ weiß ich, dass es eine richtige Vorbereitung braucht, um überhaupt so lange bei diesem Streckenprofil durchzuhalten. Und erst recht, um dann auch noch vorn mitlaufen zu können. Zwar hatte ich angesichts der Vorjahresergebnisse schon mit meinem Minimalziel von 100 Meilen einen Platz auf dem Podium im Blick. Tatsächlich sollte es diesmal aber deutlich mehr als das brauchen, um das Treppchen zu erreichen, was die höhere Leistungsdichte gegenüber den Vorjahren widerspiegelt.

Aber fangen wir einfach mal von vorne an.

 

Ein Blick zurück

Zunächst gibt es eine Vorgeschichte, die auch zeigt, warum es mir überhaupt möglich war, so spontan an den Start zu gehen. Mein eigentliches Highlight in diesem Jahr war die Meisterschaft im 24-Stunden-Lauf in Bad Blumau, wofür ich vor allem flache Strecken trainiert hatte. Nachdem es dort nicht wie geplant lief, waren wir im Urlaub in den Bergen in Slowenien und in der Schweiz. Nach den vielen flachen Kilometern konnte ich hier wieder Trails laufen und Höhenmeter sammeln. Deshalb entschloss ich mich, im September bei der Ultratrail-Meisterschaft beim Südthüringentrail zu starten – einfach um zu sehen, wo ich stehe. Leider lief ich dort aber ein kleines Stück falsch und wurde aus der Wertung genommen. Zwei Wochen später passte dann alles und ich konnte bei starker Konkurrenz den 3. Platz beim Borderland Ultra belegen (hier eine Übersicht aller Wettkämpfe).

Nach den beiden Wettkämpfen fühlte ich mich Anfang Oktober wieder ganz gut und hatte Lust, kurzfristig ein weiteres Highlight zu versuchen. Dabei kam mir TrailDorado in den Sinn, worauf mich einige Wochen zuvor meine Lauffreundin Daniela aufmerksam gemacht hatte. Sie war dort im Jahr 2016 gestartet und hatte den 3. Platz belegt. In Sachen Höhenmeter hatte ich in den letzten Wochen außerdem einiges nachgeholt. Trotzdem würde es aber im Fall eines guten Verlaufs auf jeden Fall in eine neue Dimension gehen, sodass es schon eine Reise ins Ungewisse bedeutete. Den Startplatz konnte ich zum Glück noch kurzfristig über einen Tausch organisieren.

 

Start TrailDorado 24-Stunden-Lauf
Schnappschuss vor dem Start. Foto: Carmen Schamberger

 

Ebenfalls aus der Würzburger Ecke am Start war Carmen, mit der ich zusammen im Auto hin und zurück fuhr. Am Vorabend des Rennens trafen wir René, den ich bereits vom Südthüringentrail kannte. Da wusste ich gleich, dass es mit ihm auf der Strecke ein harter Tag werden könnte, denn er hatte sich speziell auf den Wettkampf vorbereitet. Und genau so sollte es auch kommen.

 

Start Stimmung TrailDorado 24-Stunden-Lauf
Super Stimmung am Start beim obligatorischen Song „I Like to Move It Move It“. Foto: Traildorado.com / Svenja Schrade

 

erste Runde TrailDorado 24-Stunden-Lauf
Die erste Runde laufen alle langsam und gemeinsam. Vorn links ist René Bonn zu sehen, mit dem ich später um den Sieg laufen werde. Foto: Traildorado.com / Svenja Schrade

 

185 km und zweimal auf die Zugspitze

Die ersten 18 Stunden laufen weitgehend nach Plan. Ich starte gefühlt locker und kann regelmäßig meine Energiedrinks und Gels aufnehmen. Nur in der Nacht verliere ich etwas Zeit, als die Stirnlampe ausgeht und ich bei der Ersatzlampe erst die Batterien wechseln muss.

Ansonsten ist die Nacht erstaunlich angenehm, obwohl es mit fast 12 Stunden deutlich länger dunkel ist als bei meinen bisherigen 24-Stunden-Läufen. Auch die Kälte macht mir wenig aus, da ich ständig in Bewegung bin. So kann ich sogar bis zum frühen Morgen im kurz-kurzen Outfit durchlaufen. Insgesamt hatte ich mir die Nacht deutlich schwieriger vorgestellt.

 

Rahmenprogramm Musik Gitarre TrailDorado 24-Stunden-Lauf
Tolles Rahmenprogramm: An dieser Stelle des Rundkurses spielte ein Mann mit der Gitarre. Foto: Traildorado.com / Svenja Schrade

 

Zeitnahme Anlage Chip TrailDorado 24-Stunden-Lauf
Mit dieser Anlage werden die Runden gezählt, indem man den Chip am Handgelenk kurz einscannt. Als Dankeschön gibt es lustige Sprüche zu hören, zum Beispiel: „Marko, willst du mich heiraten?“. Foto: Traildorado.com / Michele Ufer

 

Konzentration Fokus TrailDorado 24-Stunden-Lauf
24 Stunden sind lang, aber man muss immer konzentriert und fokussiert bleiben. Foto: Traildorado.com / Svenja Schrade

 

Doch dann spüre ich kurz vor 6 Uhr morgens, wie an den steilen Anstiegen langsam aber sicher die Kräfte nachlassen. Zu dieser Zeit überholt mich auch René, der bis dahin auf Platz 2 lag.

 

Morgengrauen TrailDorado 24-Stunden-Lauf
Spätestens am Morgen sind die Beine schwer und die Energiespeicher leer. Foto: Traildorado.com / Svenja Schrade

 

In den nächsten zwei bis drei Stunden geht es zunehmend bergab. Auf einigen Runden bekomme ich ein Schwindelgefühl und muss mich kurz an Bäumen festhalten oder hinsetzen. Mit Gels und viel Cola an der Verpflegungsstation wird das zum Glück wieder besser, doch bis dahin hat mir René bereits eine ganze Runde abgenommen. Damit ist die Sache entschieden. Wir laufen noch etwa zwei Stunden gemeinsam, um uns gegen Manuel abzusichern, der auf Platz 3 noch ganz gut Tempo macht.

Rückblickend ist der zweite Platz ein super Ergebnis, mit dem ich angesichts aller Umstände zufrieden bin. Vielleicht wäre mit einer gezielten Vorbereitung der Sieg drin gewesen, aber das zählt zur Kategorie „Hätte, hätte, Fahrradkette“. Man muss eben seine Prioritäten setzen in der Saisonplanung, und selbst dann kann immer noch vieles schief gehen.

Vieles richtig gemacht hat dagegen René, der sich gezielt auf den Wettkampf vorbereitet und seinen Plan geduldig durchgezogen hat – und das bei seinem ersten 24-Stunden-Lauf! Ein verdienter Sieg.

 

Siegerehrung Interview TrailDorado 24-Stunden-Lauf
Kurzes Interview bei der Siegerehrung. Foto: Carmen Schamberger

 

Vor allem freut es mich aber, dass Carmen die ganze Nacht durchgehalten hat und bis zum Ende auf der Strecke war. Trotz vorheriger Krankheit und suboptimaler Vorbereitung konnte sie mit mehr als 100 km eine neue Bestmarke setzen – und das bei den vielen Höhenmetern – und sich den 3. Platz ihrer Altersklasse sichern. Glückwunsch, starke Leistung, und das ebenfalls beim ersten 24-Stunden-Lauf!

 

Die Nachwehen

Das Beste kommt manchmal zum Schluss. Beim 24-Stunden-Lauf dagegen selten. Hier kommen zum Schluss meist die größten Schmerzen. Diesmal geht das für mich leider noch eine Weile weiter. Nach dem Wettkampf bekomme ich eine sehr starke Entzündung am unteren rechten Schienbein. Diese Stelle hatte ich schon in den letzten Stunden des Laufs gespürt, aber nicht vermutet, dass es so schlimm werden würde. Ich kann für zwei Nächte nur mit Schmerztablette einschlafen. Am Tag nach dem Lauf ist abends außerdem der ganze Fuß stark geschwollen.

Das bedeutet, dass ich jetzt erstmal eine längere Laufpause einlege und den Fokus auf andere Dinge lege – zum Beispiel auf den Stapel an Arbeit, der sich auf dem Schreibtisch türmt. Nach dieser Saisonpause geht es dann hoffentlich mit neuer Energie auf zu den nächsten Projekten. Ein paar Ideen habe ich jedenfalls schon 🙂

 

Update am 20. Oktober: Das Schienbein schmerzt auch 10 Tage nach dem Lauf immer noch etwas. Trotzdem nehme ich das rückblickend gerne inkauf. Es war wieder mal eine tolle Erfahrung, mit allen guten und schlechten Seiten, die eben dazugehören. Eine echte „Peak Experience“, wie mein geschätzter Motivationsguru Benjamin Hardy es nennt, die unser Leben bereichert und an die man sich auch Jahre später noch gern zurückerinnert – ganz im Gegensatz zum Alltag einer Standardwoche, den wir ohnehin schon viel zu oft „erleben“.

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