Ultra-Etappenlauf von Würzburg nach Auerswalde

Es ist schon einige Wochen her, seit ich Anfang Februar meinen bisher längsten Lauf absolvierte. Leider hatte ich mich damals etwas am Knie verletzt und seither immer wieder damit zu kämpfen. Deshalb musste der geplante Etappen-Testlauf Woche für Woche nach hinten verschoben werden.

Erst am 23. März schaffte ich es, wieder nahezu problemlos 85 km im Training zu laufen. Am Tag danach fasste ich den Entschluss, es in der folgenden Woche zu versuchen und die Strecke von Würzburg zu meinem Heimatort Auerswalde verteilt auf drei Tage abzulaufen. Da ich eine ähnliche Strecke in den vergangenen Jahren schon viermal mit dem Rad gefahren bin, kannte ich den groben Weg und musste nicht erst aufwändig vorausplanen.

Am Tag vor dem Start telefonierte ich mit zwei perfekt an der Strecke gelegenen Unterkünften und reservierte jeweils ein Zimmer. Da in beiden Fällen ohnehin freie Kapazitäten vorhanden waren, musste ich nicht verbindlich buchen, was für dieses Projekt natürlich optimal war – denn ich hatte einen so langen Lauf noch nie zuvor versucht und war ziemlich unsicher, ob es tatsächlich klappen würde. Deshalb hatte ich auch nur wenigen Bekannten davon erzählt. Insgeheim war ich aber bereit, bis an die absolute Grenze zu gehen und zu testen, wie weit man es treiben kann.

Der wohl wichtigste Part der Ausrüstung bei einem solchen Projekt sind die Schuhe. Vielen Dank deshalb an Laufstil in Würzburg für das Vermitteln der Unterstützung durch meine Lieblings-Schuhmarke Saucony. Mit dieser Marke habe ich bereits letztes Jahr erfolgreich einige Ultraläufe bestritten. Konkret laufe ich für dieses Etappenprojekt nun ein Paar Saucony Triumph Iso 5 mit Currex-Einlegesohlen.

 

1. Tag: Von Würzburg nach Würgau (102 km, 880 HM)

Am Donnerstag, den 28. März um 6:59 Uhr geht es los. Ich mache die ersten Schritte weg von meiner Wohnung und versuche, diesen recht absurden Moment zu verinnerlichen. Aus eigener Kraft Schritt für Schritt eine solche Strecke zu laufen – das ist eine völlig neue Dimension des Wahnsinns, und ich bin gespannt, wie sich dieses Experiment entwickeln wird.

Schon der Weg durch Würzburg erscheint endlos. Allerdings weiß ich von anderen Ultraläufen, dass man zu Beginn oft noch ein „langwieriges“ Zeitgefühl hat und sich das Ganze nach fünf oder zehn Kilometern deutlich flüssiger und schneller anfühlt. Gleichzeitig ist es wichtig, mich ständig zu bremsen und nicht zu schnell zu laufen, sonst ist die Distanz auf keinen Fall zu schaffen.

Mit dabei habe ich einen Laufgürtel sowie einen Laufrucksack mit den wichtigsten Sachen:

● 2 Liter Wasserblase

● extra Trinkflasche

● Trockenfrüchte

● Energieriegel

● Proteinpulver

● Waschtasche

● Regenjacke

● Smartphone

● Ladekabel

● Akkupack

Anti Chafing

 

 

Das Wetter ist heute optimal, etwa zehn Grad und bewölkt. Die meiste Zeit laufe ich entlang der Bundesstraße in Richtung Bamberg, soweit vorhanden auf dem Rad- oder Fußweg. Über weite Strecken komme ich problemlos durch, nur bei Kilometer 37 erzwingen kurzzeitige Bauchkrämpfe eine Pause.

Kurz vor Bamberg geht mir nach rund 80 Kilometern das Wasser aus, sodass ich einen Stopp im ersten Supermarkt der Stadt einlege. Gleich darauf folgt eine längere Kaffeepause in einer kleinen Bäckerei. Ich fühle mich nach wie vor gut und spüre erst ab der 90-Kilometer-Marke, dass das linke Knie wieder leicht schmerzt, was natürlich auf die Stimmung drückt. Außerdem werden jetzt auch die Beine langsam schwer. Bis zum Hotel im kleinen Ort Würgau bei Scheßlitz ist es aber kein Problem.

Ich komme etwa zum Sonnenuntergang gegen 18:45 Uhr an. Es sind sehr wenige Gäste da, sodass ich nach einer ausgiebigen Dusche beim Abendessen schnell drankomme. Leider ist die bestellte „große Portion“ doch recht klein, sodass ich trotz zusätzlicher Vor- und Nachspeise nicht richtig satt werde. Zum Glück gibt es aber jetzt schon drei belegte Brötchen vorab fürs Frühstück, da ich sehr zeitig aufbrechen möchte. Eines davon stillt dann noch etwas den Hunger am Abend.

 

Ultralauf Etappenlauf Strava Marko Gränitz

Quelle: Strava, Daten: Polar M400

 

2. Tag: Von Scheßlitz nach Taltitz (101 km, 1460 HM)

Es war schwierig, am Abend einzuschlafen, da sich der Puls nicht so recht beruhigte. Nachts bin ich dann auch mehrmals aufgewacht. Trotzdem habe ich das Gefühl, mich etwas erholt zu haben, aber bin angesichts der heute anstehenden Etappe nicht allzu optimistisch, was das Knie angeht. Da es in jedem Fall ein langer und harter Tag wird, breche ich schon um 6:24 Uhr auf.

Die ersten Schritte sind wie erwartet sehr zäh, aber dann laufe ich mich erstaunlich gut ein. Auf den ersten 20 Kilometern ist es noch angenehm kühl, aber kurz vor Kulmbach kommt die Sonne raus und ich beginne zu schwitzen. Da hilft nur Ärmel hochkrempeln, denn weder kann ich die lange Laufhose wechseln noch ist Platz im Rucksack für das überflüssige zweite Oberteil. Ein weiteres Problem ist ein langsam stärker werdender Schmerz am rechten Knie unterhalb der Kniescheibe, was sich aber bei kurzem Anhalten immer wieder recht gut „wegmassieren“ lässt.

Nach einer Kaffeepause in Kulmbach geht es ordentlich bergauf. Nach einiger Zeit spüre ich ein zunehmendes Ziehen in der rechten Achillessehne, was wohl von den steilen Passagen kommt. Schritt für Schritt geht es weiter durch die warme Mittagszeit von Dorf zu Dorf bis nach Helmbrechts und dann über Radwege und Umgehungsstraßen nach Hof. Die Achillessehne zieht jetzt recht heftig, sodass ich eine zweite längere Pause in einer Bäckerei einlege.

 

Grenze Westen Osten früher Deutschland

 

Den Rest des Tages schleppe ich mich mit zunehmend häufigeren kurzen Pausen durch. Vom Gefühl her geht es jetzt auf den letzten Kilometern des Tages schon deutlich schlechter als gestern, was neben den stärkeren Schmerzen wohl auch an den Kraft zehrenden Anstiegen liegt.

Erst kurz nach Sonnenuntergang komme ich in der Unterkunft in Taltitz, einem Ortsteil von Oelsnitz, an. Nach der unbedingt notwendigen Dusche gehe ich zum Abendessen in das nahegelegene Restaurant, in dem die Portionen heute zum Glück sehr groß sind.

 

Ultralauf Etappenlauf Strava Marko Gränitz

Quelle: Strava, Daten: Polar M400

 

3. Tag: Von Taltitz nach Auerswalde (92 km, 1170 HM)

Wieder eine unruhige Nacht, in der ich mehrmals wegen zu großer Hitze im Zimmer aufwache. Auch die Schmerzen in den Beinen machen mir zu schaffen, was wohl durch eine ungünstige Liegeposition zustande kommt.

Morgens ist es draußen kalt und die Wiesen sind sogar etwas weiß vom Reif. Aber die Temperatur ist nicht das Problem. Viel schlimmer ist die gereizte Achillessehne, die beim Loslaufen direkt wieder schmerzt. Auf dem ersten Kilometer muss ich dreimal anhalten und glaube in diesem Moment nicht mehr daran, heute noch allzu weit zu kommen.

Nach einigen Kilometern geht es aber tatsächlich etwas besser, sodass ich wieder guter Dinge bin. Über Plauen laufe ich weiter bis nach Reichenbach, wo eine längere Kaffeepause ansteht. Dann weiter bis Zwickau. Dort komme ich kurz nach Mittag an und liege damit schon hinter meinem Zeitplan. Jetzt sind die Schmerzen in beiden Knien, aber vor allem wieder in der Achillessehne sehr stark. Ich setze mich in eine Bushaltestelle, ziehe die Schuhe aus, um die bereits angeschwollenen Füße zu entlasten und hoffe auf ein Wunder.

Es sind „nur“ noch rund 40 km bis ans Ziel. Gerade mal rund ein Marathon. Unter normalen Umständen überhaupt kein Problem, wenn ich es langsam laufe. Aber jetzt, in dieser Situation in der Bushaltestelle in Zwickau, scheint es mir fast unmöglich, diese Distanz zu bewältigen. Ich habe Angst, mir eine ernsthafte Verletzung in den Knien einzuhandeln oder die Achillessehne abzureißen. Auch spüre ich den beginnenden Sonnenbrand beim heute zweiten Tag in praller Sonne – damit hatte ich so früh im Jahr nicht gerechnet.

Nach etwas Bedenkzeit entscheide ich mich (natürlich), es drauf ankommen zu lassen und einfach weiter zu laufen. Spätestens jetzt wird mein Experiment aber zur absoluten Quälerei. Es geht noch einige Male auf und ab, wobei ich mich dazu entscheide, die steilen Anstiege zu gehen, um die Sehne etwas zu schonen. Etwa 10 km nach Zwickau geht mir das Wasser aus und ich lege die nächste Pause an einer Tankstelle ein. Dort hilft mir eine 1,5-Liter-Flasche Cola wieder auf die Beine. Kurz darauf sehe ich von einem Hügel aus ganz hinten am Horizont die markante, bunte „Esse“ von Chemnitz, die rund 300 Meter in den Himmel ragt. Jetzt weiß ich, dass ich heute nicht mehr aufgeben kann und laufend (oder notfalls gehend) ankommen muss.

 

Osterhasen Sachsen Straßenrand

 

Oberlungwitz. Noch rund 25 km. Ich lege mich für 10 Minuten in eine Bushaltestelle. Schuhe aus, Füße hoch, und nebenbei den Akku der Uhr aufladen. Viel lieber würde ich meinen eigenen Akku laden. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich es wohl nicht mehr bei Tageslicht schaffen werde, dafür waren es heute zu viele und zu lange Pausen. Dann laufe ich weiter, 3 oder 4 km, bis zur nächsten Liegepause in einer Bushaltestelle. Es ist zum Verzweifeln, denn selbst nach der Pause sind die Schmerzen kaum besser. Mir wird bewusst, dass ich mich auf einem schmalen Grat bewege und jetzt sehr vorsichtig sein muss. Und mir wird klar, dass ich es bei diesem Projekt wohl wirklich übertrieben habe.

Weiter, immer weiter. Es geht bergauf. 2 km später die nächste Pause. Dann nach nur 1 km erneut anhalten. Jetzt schmerzt plötzlich auch die Vorderseite des rechten Knöchels. Ein entgegenkommender Autofahrer zeigt mir den Vogel, was ich hier an der Straße herumrenne. Es gibt eben fast keine Rad- oder Fußwege in Sachsen außerhalb der Ortschaften. Eigentlich auch eine lächerliche Geste, aber solche kleinen Dinge können mental viel kaputt machen, wenn man am Ende seiner Kräfte ist.

Ich erspare euch eine Auflistung der Pausen auf den letzten rund 15 km. Jedenfalls wird es dunkel und die Stirnlampe sowie das rote Blinklicht kommen zum Einsatz, sodass ich die Sachen wenigstens nicht umsonst mitgeschleppt habe. Ab Wittgensdorf geht es endlich bergab. Bei einer Pause im Unterdorf zeigt mir Google Maps noch 3,9 km an. Eigentlich ein Katzensprung, und dennoch bedeutet es weitere tausende Schritte, einer nach dem anderen.

 

Ortseingang Auerswalde Nacht

 

Um 19:45 Uhr ist es endlich geschafft. Auf den letzten 300 Metern höre ich ein Hupen und Tröten, ich werde tatsächlich empfangen, was für ein toller (und absolut unerwarteter) Moment! Kurzzeitig sind die Schmerzen vergessen. Sie werden wieder kommen, nachher, heute Nacht, den ganzen morgigen Tag und noch weitere 3 Nächte, aber dann werden sie verschwunden sein. Alles, was dann bleibt, ist die Erinnerung, es auf die absolute Spitze getrieben zu haben und damit durchgekommen zu sein.

Klar ist mir jetzt aber auch: In dieser Form und in diesem Umfang werde ich das nicht wiederholen. Wenn es einen Deutschlandlauf gibt, worüber ich gerade nachdenke, dann werde ich keine 100 Kilometer am Tag laufen können. Dennoch habe ich unterwegs viele Details darüber gelernt, wie man einen solchen Etappenlauf angehen muss, welche Entlastungsstrategien es gibt und wie man die täglichen Abläufe organisiert. Trotz der extremen Belastung war es also keinesfalls ein sinnloses Experiment, sondern eine sehr einprägsame und lehrreiche Erfahrung – und mit Sicherheit etwas, das ich mein Leben lang nicht wieder vergessen werde!

 

Ultralauf Etappenlauf Strava Marko Gränitz

Quelle: Strava, Daten: Polar M400

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